Das Feld dreht sich, und ich stehe still
Ein Nachmittag auf dem Tempelhofer Feld, als der Wind aus zwei Richtungen kam und das Gras sich nicht einigen konnte.
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24. Mai 2026
Stempel & Wetter
Ein Nachmittag auf dem Tempelhofer Feld, als der Wind aus zwei Richtungen kam und das Gras sich nicht einigen konnte.
Das Feld empfängt den Wind, als wäre es dafür gebaut worden, und vielleicht ist es das ja auch. Die Startbahnen liegen unter mir wie zwei lange Lineale, an denen Berlin sich misst, und an deren Rändern die Disteln im Spätherbst noch einmal aufstehen, bevor sie endgültig kippen. Ich gehe in der Mitte, weil es in der Mitte am stillsten ist und gleichzeitig am lautesten — das Pfeifen über dem Beton ist hier ein anderes Pfeifen als zwischen den Häusern.
Jemand hat mir einmal erklärt, dass im Sommer auf dem Feld Feldlerchen brüten, mitten in der Stadt, und ich habe es geglaubt, ohne je eine gehört zu haben. Heute, im aufkommenden Dunkel, höre ich nichts dergleichen, nur das schnelle Klatschen einer Plane an einem der Schrebergärten am Westrand. Ein älterer Mann läuft mir entgegen, die Hände tief in den Taschen, der Blick auf den Asphaltrillen, in denen sich Wasser sammelt. Wir nicken uns zu, wie man sich auf Schiffen zunickt, die sich auf hoher See begegnen.
Am Columbiadamm beginnt die Stadt wieder. Ich drehe mich noch einmal um. Das Feld ist jetzt grau, fast violett an den Rändern. Es hat sich nicht bewegt. Nur ich, denke ich, habe diesen Nachmittag verbraucht.