Schnee fällt auf Apostel-Paulus
Notiz vom Kirchplatz in Schöneberg, an einem Vormittag, an dem der Schnee länger blieb, als die Wetter-App es versprochen hatte.
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24. Mai 2026
Stempel & Wetter
Notiz vom Kirchplatz in Schöneberg, an einem Vormittag, an dem der Schnee länger blieb, als die Wetter-App es versprochen hatte.
Der Apostel-Paulus-Kirchplatz ist im Schneefall ein anderer Platz. Die Linden, im Sommer mächtig und gesellig, stehen jetzt einzeln, jede für sich, mit weißen Schultern. Auf den Bänken, die sonst von vier Generationen gleichzeitig benutzt werden, liegt ein lockerer Belag, in den niemand sich setzt. Auch die Tauben halten sich zurück; sie haben sich auf das Vordach des Bäckers zurückgezogen, dicht aneinander, wie eine Reihe schlafender Gäste.
Um halb elf läutet die Glocke. Sie tut es kurz, als wolle sie niemanden stören, und genau in diesem Moment fängt es kräftiger an zu schneien. Ein Vater zieht einen Schlitten hinter sich her, auf dem ein Kind in einem zu großen Anorak sitzt und die Welt aufmerksam musterte; das Kind blickt mich kurz an, ohne zu lächeln, und ich blicke zurück, ohne zu lächeln, und das genügt uns beiden. Eine Joggerin biegt um die Ecke, lässt einen Atemnebel hinter sich, ist wieder weg.
Ich gehe um die Kirche herum, die im Schnee aussieht wie eine Zeichnung, an der jemand den Schraffierstift zu spät angesetzt hat. An der Akazienstraße bleibe ich kurz stehen, schaue zurück. Der Platz hat mich vergessen, sobald ich ihn verlassen habe.