Zwei Höfe tief, an der Linienstraße
Ein Aufenthalt in einem Berliner Hinterhof, in dem ein Klavier zu hören war und niemand sicher sagen konnte, aus welchem Fenster.
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24. Mai 2026
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Ein Aufenthalt in einem Berliner Hinterhof, in dem ein Klavier zu hören war und niemand sicher sagen konnte, aus welchem Fenster.
Das Tor zur Linienstraße ist eines jener, die offen stehen, weil sie sich kaum noch schließen lassen. Innen verengt sich der Durchgang zu einem Schlauch, an dessen Wänden Briefkästen in Schichten hängen, die meisten ohne Namen, manche mit Aufklebern, die einmal Namen gewesen sind. Im ersten Hof steht ein Fahrrad ohne Sattel; im zweiten ein Ahorn, dessen Blätter im Januar als braune Knäuel am Boden liegen.
Aus einem der oberen Stockwerke kommt ein Klavier. Es übt, es spielt nicht — die Tonleiter geht hinauf, kommt zurück, geht hinauf, bleibt in der Mitte hängen. Ich schaue die Fassade ab und kann nicht entscheiden, hinter welchem Fenster der Spieler sitzt; die Fenster sind alle gleich, und der Nebel hängt so tief in den Lichtschächten, dass selbst die Reflexionen sich nicht festlegen.
Eine Frau tritt aus dem Seitenaufgang, einen Wäschekorb auf der Hüfte, und sie nimmt das Klavier nicht zur Kenntnis. So ist das in Berliner Höfen, denke ich. Man wohnt zusammen und übersieht einander mit großer Höflichkeit. Ich bleibe noch, bis die Tonleiter aufgibt, dann gehe ich durch die beiden Höfe zurück auf die Straße, in der ein Linienbus seinen Motor warmlaufen lässt.