An der Mauer entlang, ohne hineinzugehen
Ein Spaziergang am äußeren Rand des Botanischen Gartens, bei dem das Drinnen ein Gerücht blieb.
Poststempel
24. Mai 2026
Stempel & Wetter
Ein Spaziergang am äußeren Rand des Botanischen Gartens, bei dem das Drinnen ein Gerücht blieb.
Es gibt eine Mauer um den Botanischen Garten, die niemand fotografiert, weil dahinter Dinge wachsen, die fotogener sind. Aber die Mauer selbst, an einem Maivormittag, hat ihren eigenen Ton: einen warmen, leicht moosigen Stein, der die Wärme länger hält als die Luft, und an manchen Stellen Risse, aus denen das Innere herauswächst, als wolle es nachsehen, was draußen vor sich geht. Ein Ast Flieder hängt über die Krone, in der Höhe meiner Schulter, und ich rieche, ohne ihn zu berühren.
Auf der anderen Straßenseite parken Autos, die schon lange dort stehen; eines hat einen Strafzettel, dessen Datum ich nicht entziffere. Eine Frau geht mit zwei Hunden vorbei, die in entgegengesetzte Richtungen ziehen wollen, und sie spricht beruhigend mit beiden. Über der Mauer kommt das Pfeifen eines Vogels, das ich nicht zuordnen kann, und vielleicht ist genau das die Idee: dass die Mauer nicht ausschließt, sondern verheißt, dass es ein anderes Pfeifen gibt als das, das ich kenne.
Ich gehe bis zur Ecke, wo die Mauer einen leichten Knick macht. Dort sitzt eine Schnecke auf dem Stein, hoch oben, und ich frage mich, wie sie da hinaufgekommen ist. Dann lasse ich auch das offen, drehe um, und gehe in die andere Richtung zurück.