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Postlagernd Berlin Postkarten aus Berliner Kiezen.

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24. Mai 2026

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Kreuzberg

Unter der Hochbahn, wo der Schatten in Streifen fällt

Eine Stunde an der Möckernbrücke, in der die U1 alle vier Minuten die Lichtverhältnisse neu sortiert.

19. Dezember 2025

Wer unter der Hochbahn steht, lernt, dass Schatten in Streifen fallen können. Die Träger der U1 rastern den Bürgersteig in regelmäßige Abschnitte; das Licht des frühen Winternachmittags läuft hindurch wie Wasser durch einen Kamm. Ich bleibe an einem dieser Eisenträger stehen, der rostig und vielmals überstrichen ist, und sehe die Streifen über meinen Schuhen wandern, bis sie sich kurz auflösen, weil oben ein Zug einfährt.

Das Rumpeln, das man in den Knien spürt

Es ist das Rumpeln, das hier alles entscheidet. Es kommt aus zwei Richtungen — die Bahn aus Möckernbrücke selbst und die Geräusche von der Halleschen-Ufer-Spur, die ein Stück tiefer fließen. Eine Frau mit zwei sehr großen Tüten wartet auf jemanden, den sie nicht anruft. Sie steht so geduldig, dass ich denke, sie könnte aus einem Foto sein, das jemand vor dreißig Jahren hier gemacht hat. Über uns ein erneutes Rumpeln; die Tüten knistern, die Frau bewegt sich nicht.

Am Landwehrkanal liegt eine dünne Schicht Eis am Rand. Eine Möwe stellt sich darauf, hebt einen Fuß, hebt den anderen, gibt es auf. Ich gehe weiter Richtung Hallesches Tor, mit kalten Händen und dem Gefühl, einer Stadt zugehört zu haben, die sich nicht erklärt.